TÖPFERSTADT FRECHEN


Dies ist eine Erzählung über meinem Heimatort. Mit ihm verband mich immer ein zwiespältiges Gefühl und er war nicht der Platz, den ich liebte. Die Identifikation, die Beziehung zwischen mir und dieser Stadt ist nur mit den Jahren gewachsen. Als Kind schon wollte ich etwas von der Welt sehen und meinem sozialen Umfeld, aber auch den undurchdringlichen Smogwolken, den die umliegenden Fabriken produzierten, entfliehen. Sehnsüchte, die sich erst später erfüllen sollten.


Früher habe ich noch über jene Leute den Kopf geschüttelt, die, sobald sie die Kirchturmspitze nicht mehr sahen, schon Heimweh bekamen. Irgendwann stellte ich auch fest, dass es wie bei Menschen, so auch bei Städten und Landschaften jenen bekannten ersten Blick gibt, wonach man sie sofort mag, oder aber auch nicht. Jedenfalls, als Fabienne das erste Mal nach Frechen und in die Hauptstrasse kam, war sie – geboren in der nordfranzösischen Kulturhauptstadt Lille - nicht so sehr begeistert. Geblieben ist sie dann wohl nur wegen mir und dies nun schon seit über zwanzig Jahren.


Nun, Frechen ist eine Industriestadt, wenige Schritte westlich von Köln entfernt. Geprägt wurde die Stadt von den Bodenschätzen Braunkohle, Quarzsand und Ton. Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist Frechen ein Zentrum europäischer Steinzeugindustrie. Der Braunkohlenbergbau brachte als Nebenprodukt Tone, die ebenso wie die hier gewonnenen Quarzsande Basis der keramischen Industrie und der handwerklichen Töpfereien sind.


Vieles hat sich verändert, aber es gibt immer noch Arbeitersiedlungen und Fabriken aus Backstein. Manch einer arbeitet schon sein ganzes Leben lang bei der Braunkohle, also den Klüttenbäckern und Torfstechern, bei den Steinzeugwerken oder in den Quarzsandgruben.


Die Hauptstrasse mit einer Länge von etwa einem Kilometer ist heute zur Hälfte Fussgängerzone. Dabei steht am oberen Ende die evangelische Kirche und am unteren die katholische Kirche St. Audomar. Letztere wurde 1859 gebaut und ist hervorgegangen aus der Urzelle der Stadt, einer Hofanlage im Besitz der nordfranzösischen Abtei St. Bertin. Das war im Jahre 877, und man nimmt an, dass sich von dort aus, also in etwa die Hauptstrasse entlang, die Gemeinde entwickelte.


Die Hauptstrasse war die erste gepflasterte Strasse in der Stadt und nahm ab 1893 die Gleise der Köln-Frechen-Benzelrather Eisenbahn auf. Heute fährt dort die Strassenbahn durch die Fussgängerzone nach Köln. Insgesamt wirkt die Bebauung sehr unharmonisch und man empfindet meist eine gewisse Tristesse, wenn man sie durchschreitet. Daran ändert auch die gepflanzte kleine Allee wenig.


An einigen Stellen konnte sich Frechen den alten Charme als Töpferstadt bewahren. Manchmal, versteckt hinter Gartenhecken und an Hauswänden, oft aber auch als Blickfang in der Fussgängerzone oder an Hauseingängen, finden sich Keramiken aus älterer und jüngerer Zeit. Belege dafür, dass die Keramik untrennbar mit der Stadt verbunden ist.


In der Mitte der Fussgängerzone öffnet sich die Hauptstrasse zum Rathausplatz. Dort steht das Alte Rathaus, das in den Jahren 1907/08 unter der Regie des Regierungsbaumeisters Carl Moritz errichtet wurde. Ein wirklich schönes schiefergedecktes Gründerzeitgebäude mit einem Uhrtürmchen. An der Aussentreppe findet sich dann auch das Stadtwappen von 1928, einen schwarzen, rotbewehrten und bezungten Jülicher Löwen, der als Zeichen alter Handwerkskunst in seinen Pranken einen braunen Bartmannkrug hält. Auf einer Tafel links neben dem Wappen steht der Name des Architekten des Rathauses.


An der Ostfassade der alten Marienschule findet sich eine Halbplastik aus braunem salzglasiertem Steinzeug, die Mutter mit drei Kinder des Kölner Bildhauers Hans Geyer. Auf dem Boden davor ist ein mit Pflastersteinen gezeichneter Grundriss eines Kannenofens aus dem Jahr 1868 skizziert.

 

Am Rathausplatz befindet sich auch der Klüttenbrunnen von Olaf Höhnen und veranschaulicht Stationen des braunen Goldes vom Abbau bis hin zum Brikettstapeln im heimischen Keller.


Wenn man die Alte Strasse überquert und an der nächsten Kreuzung stehen bleibt, kann man die Sonnenuhr des Bildhauers Franz Albermann unter dem Sims eines ockerfarbenen Wohnhauses bewundern. Der Sonnenkopf mit seinen gelben Strahlen wird umrandet von zwölf auf Platten abgebildeten Sternzeichen.


Ein ebenfalls anschauliches Beispiel für die Frechener Baukeramik sind die Einfamilienhäuser an der Keimesstrasse bis hin zum Freiheitsring.


Sehenswert an der Adresse Freiheitsring Nummer 3 sind die beiden Portale der alten Ringschule. An beiden Seiten eines jeden Portals finden sich Keramiken mit verschiedenen Tiermotiven.


Etwas schräg gegenüber trifft man auf die aus braunem salzglasiertem Steinzeug gefertigte Bärengruppe, eine repräsentative Einrahmung eines breiten Treppenzugangs.


An der Kreuzung Hauptstrasse Mühlengasse prostet von einem Eckhaus mit dem Gasthof Einstein uns das Biermännchen zu. Eine Werbefigur der ehemaligen Brauerei Robert Metzmacher und ein farbiger Blickfang für jeden, der die Hauptstrasse aus Westen kommend betritt.


Neben der Bäckerei Halver in der Sternengasse trifft man auf den grössten Bartmannkrug der Welt, der von Manfred Zimmermann und Manfred Holz hergestellt wurde.


Zurück zum Rathausplatz: Gleich neben dem alten Rathaus wurde Ende der 1970er Jahre das neue Rathaus errichtet. Ein hässlicher Betonklotz und abschreckendes Beispiel für den heutigen Baustil in Frechen. Freitags, wenn der beschauliche Wochenmarkt stattfindet, sind die Hauptstrasse und der Platz rund ums Rathaus richtig bunt und belebt. Man hört, dass viele Frechener einen proletarischen, aber herzhaften Ton pflegen. Alles noch vermischt mit einigen fremdländische Mundarten.


In der ehemaligen Marienschule, gegenüber dem Rathaus und gleich neben dem Klüttenbrunnen, ist das Keramikmuseum untergebracht. Hier finden sich viele Informationen über die Tradition der Töpferstadt, insbesondere über die Verbreitung der berühmten Bartmannkrüge.


Ein Bartmannskrug stellt sich als ein bauchiges, braun glasiertes Tongefäss dar, das im 16. und bis im 18. Jahrhundert in Frechen hergestellt wurde und meist aus Rheinischen Steinzeug besteht. Am Hals befindet sich das Relief eines bärtigen, männlichen Gesichts, dessen Bart über den Bauch des Gefässes herabfällt. Der Bartmannskrug war über einen langen Zeitraum ausserordentlich populär und wurde in sehr grossen Stückzahlen für den überregionalen Markt produziert. Besonders die grosse Nachfrage in England und Holland liessen ihn zu einem wichtigen Exportartikel werden.


Weit über die Stadtgrenzen hinaus geniest der jährliche Frechener Töpfermarkt internationale Geltung. Rund um das Rathaus der ehemaligen Töpferstadt präsentieren weit über 100 Keramiker ihre kunstvollen Erzeugnisse.



 

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