AM NÄCHSTEN MORGEN


Ôćĺ Ich hatte nicht sonderlich viel geschlafen und wurde auch noch fr├╝h wach. Die anderen Passagiere in meinem Abteil der zweiten Klasse schliefen noch oder d├Âsten vor sich hin. Doch ich dachte daran, dass ich in der Nacht auf zauberhafte Weise ein M├Ądchen kennen gelernt hatte, und obwohl ich noch etwas verwirrt war von allem, f├╝hlte ich mich wunderbar.


Es wurde mir auf einmal immer wichtiger, dass die Mutter von Ayse einen guten Eindruck von mir bekommen sollte. Ich versuchte daher, trotz der widrigen Umst├Ąnde eines Abteils zweiter Klasse, mir ein sauberes und adrettes ├äu├čeres zu schaffen. Nachdem mir dies leidlich gelungen schien, machte ich mich auf den Weg zu dem Abteil, indem ich Ayse hatte verschwinden sehen.


Ja, sagte ich mir, die Mutter wird dich sicherlich kritisch unter die Lupe nehmen und von dem Ergebnis der Pr├╝fung wird dann alles abh├Ąngen. Doch die Dinge entwickelten sich zun├Ąchst etwas anders als gedacht. Ich konnte beide freundlich begr├╝├čen, die Mutter - eine kleine und etwas mollige Dame mit schwarzen L├Âckchen um das runde Gesicht - wollte aber anscheinend keine gro├če Notiz von mir nehmen. Ayse versuchte dies damit zu entschuldigen, dass die Mutter im Augenblick leider recht b├Âse Kopfschmerzen h├Ątte und es recht ung├╝nstig f├╝r eine Unterhaltung w├Ąre.


Da kam mir ein wunderbarer Gedanke und ich eilte zur├╝ck in mein Abteil zu meinen alten, zerbeulten Lederkoffer. Daraus kramte ich meine Reiseapotheke hervor und eilte zu den beiden zur├╝ck. Ein bew├Ąhrtes Mittelchen gegen Kopfweh kam zum Einsatz.


Diese gute Tat sollte nicht ohne Folgen bleiben, denn es dauerte nicht lange und die Mutter f├╝hlte sich befreit vom qu├Ąlenden Kopfweh und ├╝berschw├Ąnglich dankte sie mir und schaute mich ganz herzlich mit leuchtenden Augen an.


An diesem und auch am darauf folgenden Tag waren sa├čen wir oft zusammen, w├Ąhrend indessen dieses Jugoslawien immer noch an den Fenstern vorbeizog und ich fand es auf einmal wundersch├Ân.


Auch die k├╝rzeren Etappen durch Bulgarien und Griechenland verflogen wie im Flug und bald schon erreichten wir die t├╝rkische Grenzstation - Edirne. Der Zug legte dort einen kurzen Aufenthalt ein und es bot sich uns die Gelegenheit, gefahrlos die Fenster zu ├Âffnen und den Zug f├╝r kurze Zeit verlassen zu k├Ânnen.


Man muss wissen, dass man bei t├╝rkischer Lokomotivkohle kein Fenster verfr├╝ht ├Âffnen konnte, denn die Lokomotive spie fortw├Ąhrend pechschwarze Wolken aus und stach allzu Neugierige mit schwarzem Russ und Funkenhagel ins Gesicht. Mit schrillen Pfiffen wurde die Weiterfahrt des Zuges angek├╝ndigt und sp├Ątestens bei der Abfahrt wird es Zeit, die Fenster zu schlie├čen.


Der Gipfel des Wohlwollens war schlie├člich die Einladung der Mutter, doch zwei Tage mit ihr und der Tochter in Istanbul zu verbringen, um von der F├╝lle der Sehensw├╝rdigkeiten wenigstens ein paar gesehen zu haben.


Obwohl ich noch recht unerfahren war, vor allem im Umgang mit jungen Damen, schien mir das Gl├╝ck in jenen Tagen hold zu sein.



DAS MUSS ICH NOCH ERZÄHLEN


.....Ich glaube, jetzt erreichen wir Istanbul! rief Ayse und zog mich mit an einen freien Fensterplatz im Gang des Zuges.


Nun war es endlich soweit oder sollte ich dar├╝ber traurig sein, dass die Zeit so schnell davonlief? Es war der dritte Tag gegen fr├╝hen Abend im August 1970 und die Vorstellung, die sich uns bot, war so gro├čartig, dass kein Reisender sich das entgehen lie├č: Die Einfahrt nach Istanbul.


F├╝r mich war alles schlechthin ├╝berw├Ąltigend! Die Sterne fielen vom Himmel auf die Erde und rechts von mir stand das M├Ądchen. Sie musste sich leicht an mich dr├Ąngen, weil nun alle Passagiere an den Fenstern waren.


Die Weltstadt Istanbul kam mit Licht und L├Ąrm herrlich auf uns zu. Ein unglaubliches Schauspiel, dazu erscholl das Pfeifen und T├Ânen der alten Dampflok vorne an der Spitze.


Dann im Bahnhof: Ein schrilles Durcheinanderrufen war auf dem Bahnsteig und Menschen rannten aufgeregt umher. Ich verstand erst nicht, was sie riefen, aber dann sah ich, dass allenthalben Melonen, Geb├Ąck und Tee zu den Abteilfenstern hinaufgereicht wurde, als sei der Zug nach einer langen W├╝stenfahrt in einer Oase angekommen.


Ich hatte tats├Ąchlich am Ende meiner langen Reise die wundersame Stadt am Goldenen Horn erreicht - Istanbul.


Wir verlie├čen zusammen den Zug, der nun einsam und verlassen am Bahnsteig zur├╝ckblieb. Im Strudel der Aussteigenden hatte ich Angst, von meinen beiden Begleiterinnen getrennt zu werden. Aber sie lie├čen mich zu meiner Erleichterung nicht aus den Augen.


Aus dem Bahnhof ging es hinaus in den n├Ąchtlichen Zauber der Weltstadt, mit dem Schauspiel eines ├╝berm├╝tigen Lichts, mit ihrem Duft, flanierenden Menschen, Kaffees und Restaurants, Rufe her├╝ber und hin├╝ber,  und einem ├╝berw├Ąltigendem, chaotisch anmutenden Stra├čenverkehr dazu.


Ich mag mir heute gar nicht ausmalen, wie ich h├Ątte ohne Hilfe zurechtfinden sollen. Aber in Ayses Augen spiegelten sich die Lichtp├╝nktchen der Stadt und die energische Mutter strebte zielbewusst durch alte Gassen auf ein ihr anscheinend bekanntes Hotel zu.


Es war ein schlichtes Hotel, wo wir einkehrten. Aber nach drei Tagen Zugfahrt, waren mir hei├čes Wasser, eine funktionierende Dusche und ein richtiges Bett, h├Âchst willkommen. Bevor ich schlafen ging, schob ich die Gardine beiseite und schaute noch durch das Fenster zum Innenhof. Es zeigte sich, dass eine Reihe von Zimmern des Hotels um diesen Innenhof gebaut waren, und am gegen├╝berliegenden Fenster eines Zimmers schauten Ayse und ihre Mutter zu mir her├╝ber und beide winkten mir noch einen Gute-Nacht-Gru├č zu. In dieser Nacht schlief ich wie ein wohl beh├╝teter Prinz in einem Palast aus Tausendundeinenacht.


1970

Hagia Sophia

ISTANBUL

STADT AM

GOLDENEN

HORN

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