DER ORIENT-EXPRESS

DAS MÄDCHEN AUS DEM ZUG


Etwas in die Jahre gekommen, denke ich an eine Jugendromanze zur├╝ck und fahre in meinen Erinnerungen wieder als junger Mann mit dem legend├Ąren Orient-Express. Im Zug begegne ich einem bezaubernden M├Ądchen und erlebe Istanbul, die faszinierend sch├Âne, prunkende und lebensvolle Stadt am Goldenen Horn.

FORTSETZUNG

Die letzten K├Ânige des Zuges waren t├╝rkische Gastarbeiter

Endstation des Orient-Express:

Istanbul mit der alten Galata-Br├╝cke und der Yeni-Moschee in Emin├Ân├╝ im Hintergrund


1970

Ôćĺ 1

REISE MIT EINER LEGENDE


Ôćĺ Mit gerade mal 18 Jahren wagte ich im August 1970 die dreit├Ągige Reise mit dem legend├Ąren Orient-Express. Zugestiegen in Stuttgart, dann ├╝ber M├╝nchen, Salzburg und Jesenice ins kommunistische Jugoslawien des Marshall Tito. Dort ├╝ber Ljubljana, Zagreb, Belgrad, Nis nach Sofia ins tief verschlossene Bulgarien. Weiter ├╝ber Kapikule - einem Zipfel Griechenlands ÔÇô zur t├╝rkischen Grenzstation Edirne. Am Ende der langen Reise erreichten wir die wundersame Stadt am Goldenen Horn - Istanbul.


Alles begann mit einer abenteuerlichen und aufregenden Zugfahrt. So m├Âchte ich zun├Ąchst etwas ├╝ber den legend├Ąren Orient-Express und ├╝ber die Erlebnisse eines jungen Weltenbummlers schreiben. ├ťber die Tage in der so lebendigen und fremden Stadt am Bosporus sowie ├╝ber die Zeit in der noch weiter entfernten, auf sieben H├╝geln liegenden Stadt Bursa.


Auf meiner ersten Reise in die T├╝rkei begleitete mich schon eine kleine, schwarze Bakelit-Box - eine Agfa Click I. Ein paar wenige 120er-Rollfilme hatte ich auch dabei und mit den sp├Ąteren Abz├╝gen von 9 x 9 Zentimetern war ich damals schon zufrieden und erschwinglich waren sie zudem. Die Bilder von damals haben die Zeit ├╝berdauert und sind zum Teil auch auf dieser Seite zu sehen.


Bei der ├╝berw├Ąltigenden F├╝lle an aufregenden Motiven, die mir begegneten, w├╝rde ich mir r├╝ckblickend w├╝nschen, eine ordentlichere Kamera mit dabei gehabt zu haben. Wie viel mehr an sch├Ânen Augenblicken h├Ątte ich in Bildern festhalten k├Ânnen. Aber so war es halt in meiner Jugend, es fehlte oftmals das n├Âtige Kleingeld, daf├╝r aber nie die Begeisterung, etwas Neues zu entdecken. ├ťbrigens konnte ich mich nie von meiner ersten Kamera, der Agfa Click I, trennen und besitze sie heute noch.


Andererseits stelle ich mir auch manchmal die Frage, ob man denn immer ein Foto braucht, um ein besonderes Ereignis oder eine geliebte Person nicht zu vergessen? Denn immer wenn ich zur├╝ckdenke, kann ich mich doch lebhaft an das erinnern, was sich ereignete.


An dieser Stelle m├Âchte ich berichten, dass mir gleich zu Beginn der Reise zwei liebe Menschen begegneten und mir, in ihrer Heimat angekommen, hilfsbereit zur Seite standen. So habe ich nicht nur wertvolle Entdeckungen in Istanbul machen k├Ânnen, sondern bin letztlich auch wohlbehalten an meinem Ziel in Bursa angekommen. Diese freundliche Gunst habe ich dann auch nie vergessen.


Ôćĺ Der Glanz dieses legend├Ąren Zuges kann in einem jungen Weltenbummler - f├╝r den ich mich damals ernsthaft hielt - eine ungeahnte Sehnsucht wecken. Wie magisch wurde ich von der M├Âglichkeit angezogen, mit dem Orient-Express dem endlosen Band der Gleise zu folgen und dabei ein Teil dieses Mythos werden zu k├Ânnen.


Der Zug war lange Zeit ein Inbegriff f├╝r Glanz und Glamour, Stil und Eleganz der oberen Zehntausend. Staatsm├Ąnner, K├Ânige und Filmstars waren im Orient-Express gereist. Der Zug der K├Ânige inspirierte Schriftsteller, Regisseure und Komponisten und bot in der Zeit seiner bewegten Geschichte den Stoff, aus dem die Tr├Ąume sind.


F├╝r mich stand dann irgendwann fest, ich wollte mit dem Zug und nicht mit dem modernen D├╝senriesen nach Istanbul. Der Orient Express sollte daf├╝r fast drei Tage brauchen, denn vor ihm lagen ├╝ber 3.000 Kilometer quer durch den europ├Ąischen Kontinent.


Im August 1970 war es soweit und ich bin in Stuttgart zugestiegen. Gleich zu Beginn der Reise fiel mir auf, dass die Passagiere ein ├╝beraus gemischtes Volk darstellten. Hippies und Hausfrauen, H├Ąndler und Gastarbeiter hatten das noble Publikum fr├╝herer Zeilen ersetzt. Dazu Plastiksitze die komfortablen Ledersesseln.


Mir schien, wer wenig Zeit und viel Geld hatte, w├Ąhlte wohl eher einen schnellen D├╝senriesen nach Istanbul. Und nur noch arme und ganz sparsame Leute mit viel Gep├Ąck oder Weltenbummler qu├Ąlten sich tagelang auf dem Schienenweg in Richtung Orient. Pl├╝sch und Prunk waren schon l├Ąngst verblichen. Vorbei der Luxus aus alten Tagen, als sich der Komfort des Zuges mit dem von F├╝nf-Sterne-Hotels hatte messen k├Ânnen. Der Fortschritt hatte den ber├╝hmtesten Express Europas bereits ├╝berholt und die Zeit war nicht mehr fern, wo er endg├╝ltig aufs Abstellgleis rangiert w├╝rde.


In einem Abteil der 2. Klasse sitzend, tr├Ąumte ich aber von Salonwagen mit Palisanderw├Ąnden, Speisewagen mit Samtvorh├Ąngen und Kristallleuchtern. Das Diner wurde auf Damast serviert, der eisgek├╝hlte Kaviar auf Silbertellern gereicht. G├Ąnseleber-Pastete war Pflicht, und der Champagner floss in Str├Âmen. Ober im blauen Frack verw├Âhnten die G├Ąste und livrierte Schaffner f├╝llten die Zug-Badewannen neben den Schlafabteilen der hohen Herrschaften. Abenteuer gar mit bet├Ârenden Frauen.


Kein Wunder, dass sich derartige Vorstellungen von Luxus- und Lasterleben auf dieser Schienenstrecke meine Phantasie entz├╝ndete. Ich dachte an die Literatur, die ├╝ber diesen Zug geschrieben und an etliche Filme, die um ihn und seine Insassen gedreht worden waren. Agathe Christie erdachte einen Mord im Orient-Express und James Bond ging in Liebesgr├╝sse aus Moskau dort auf Agentenjagd.


Doch die wahren Geschichten, die sich in und um diesen Zug ereignet haben, sind nicht weniger spannend. Ob K├Ânig oder Kriegsherr, Sultan oder Spion, Adelige oder Abenteurer - im Orient-Express trafen sie aufeinander und gaben so dem Zug der K├Ânige seinen Namen.


Mit zwei eigenen Salonwagen reiste F├╝rst Alexander I. von Bulgarien im Jahre 1885 nach Darmstadt. Dort wollte er seine heimliche Verlobte, Prinzessin Viktoria von Preussen, treffen. Dass sich der Herrscher die tagelange Bahnfahrt mit drei lockeren Damen vertrieb, schrieb er nur in sein Tagebuch.


K├Ânig Boris III. von Bulgarien spielte sogar Lokf├╝hrer. Er liebte diesen Zug so sehr, dass er in Deutschland die Pr├╝fung als Schnellzugf├╝hrer ablegte. Wenn es zu Versp├Ątungen kam, dann stieg Hoheit h├Âchst pers├Ânlich auf die Lokomotive und machte Dampf.


K├Ânig Leopold von Belgien liess f├╝r seine Geliebte eigens einen Salonwagen anh├Ąngen, und auch der t├╝rkische Sultan Hamid hatte f├╝r seinen Harem - der ihn stets begleiten musste - einen speziellen Kurswagen.


Einer der letzten Balkank├Ânige, Carol II. von Rum├Ąnien, fl├╝chtete am 7. September 1940 nach seiner erzwungenen Abdankung mit dem Orient-Express zur jugoslawischen Grenzstation Kikinda. Seine Geliebte wurde in der vergoldeten Badewanne versteckt, die Kunstsch├Ątze lagen im Packwagen. Das Personal der Dampflok wurde vom Adjutanten des Monarchen mit einer gez├╝ckten Pistole angefeuert sein Letztes zu geben. Die Flucht gelang.


Dem indischen Maharadscha von Rana war es zwischen Paris und Istanbul zu kalt. F├╝r seine sieben Begleiterinnen sammelte er damals bei den Reisenden warme Kleidungsst├╝cke und wog sie mit purem Gold auf.


Auch von der ber├╝hmten Spionin Mata Hari ist verb├╝rgt, dass sie ein Abteil als toten Briefkasten f├╝r Nachrichten ├╝ber feindliche Grenzen ben├╝tzte.


Geschichten ├╝ber Geschichten. Geblieben war nur mehr eine Legende, glanzvoll und geheimnisumwittert. F├╝r die 3.100 Kilometer lange Strecke zwischen Paris und dem ehemaligen Konstantinopel, wurde dieser Zug zum Symbol, zum Spiegelbild der wechselhaften Zeiten, die er durchfuhr.


Die letzten K├Ânige dieses Zuges waren t├╝rkische Gastarbeiter, die in Deutschland zustiegen. Mit reichlich Proviant und Kartons voller deutscher Waren beherrschten sie die Abteile und tr├Ąumten heimischen Fleisch-Spiessen entgegen. Schlafende M├Ąnner im Gep├Ącknetz, bewaffnete Kartenkontrolleure und ein junger Weltenbummler auf den Weg in den Orient.


1970