ISTANBUL - STADT AM GOLDENEN HORN


Ôćĺ Ausgeschlafen und tatendurstig traf ich am n├Ąchsten Morgen meine beiden Reisebegleiterinnen. Wir gingen alle zusammen los und hatten es darauf abgesehen, die Stadt zu entdecken, die wie ich schnell feststellte, eine sch├Âne, prunkende, lebensvolle und lebenstolle Stadt war.


Der erste Weg f├╝hrte zum gro├čen, ├╝berdeckten Basar, der mir eine Stadt in der Stadt zu schein schien. Unvorstellbar, die Vielzahl an kleinen und gro├čen L├Ąden, unfassbar das gro├če Areal, welches er umfasste. Es gab anscheinend alles dort zu kaufen, Berge von feinster gewebter Teppichware und dann L├Ąden, mit allem was der Orient an Gew├╝rzen zu bieten hatte. Beeindruckt war ich auch von den vielen Goldh├Ąndlern, die wahre Goldsch├Ątze feilboten und anscheinend die Goldarbeiten nach Gewicht in Rechnung stellten. Die Gesch├Ąfte schienen gut zu laufen, die Menschen dr├Ąngten gut gelaunt durch die engen Gassen und die H├Ąndler luden zum Besuch ihrer L├Ąden ein und spendierten eifrig schwarzen Tee in kleinen Gl├Ąsern.


F├╝r meine Damen schien es das wahre Paradies zu sein, denn sie lie├čen sich viel Zeit, eifrig die Auslagen zu studieren und die Ware zu pr├╝fen sowie mit den H├Ąndlern zu schwatzen und zu feilschen. Es schien mir, als h├Ątten sie dies in Deutschland doch sehr vermissen m├╝ssen.


Nach dem gro├čen Basar zog es uns zu einer wohl bekannten Einkaufsstra├če in Istanbul, gleichfalls viel Menschenvolk und wo sich das fortsetzte, was im Basar angefangen hatte.


Um die Mittagszeit wurde es hei├č und auch Zeit etwas zur St├Ąrkung zu uns zu nehmen. Wir a├čen dann in einen kleinen Restaurant, nat├╝rlich alles landes├╝bliche Speisen, die ich auch teilweise k├Âstlich fand. Dazu tranken wir wieder den unvermeidlichen, schwarzen Tee in kleinen Gl├Ąschen. Wie ich sp├Ąter noch des ├Âfteren feststellen sollte, konnte das Servieren des Nationalgetr├Ąnks der T├╝rken richtig anspruchsvoll zelebriert werden.


Ayse stellte beim Essen fest, dass der Nachmittag genutzt werden m├╝sste, um dem jungen Deutschen eine besondere Sehensw├╝rdigkeit, einen der kulturellen Sch├Ątze dieser Stadt zu zeigen. Ausgew├Ąhlt wurde von den vielen Wundern der Stadt - das Topkapi. Dort in den ehemaligen, weitl├Ąufigen Sultanspal├Ąsten mit ihren Parkanlagen sollten regelrechte Sch├Ątze auf auf den Besucher warten, prunkvolle Beispiele eines vergangenen osmanischen Reiches. Dorthin machten wir uns dann auf den Weg.


W├Ąhrend wir zusammen durch die herrliche Stadt gingen, die mir weltst├Ądtisch und faszinierend vorkam, passierte es dann. Wir hatten mit einem Male die Mutter aus den Augen verloren. Nach einem ersten Schrecken, meinte aber Ayse, dass weder die Mutter noch wir beide verloren gehen w├╝rden und uns sp├Ątestens am Abend im Hotel treffen.


Das Topkapi war faszinierend und ich holte immer wieder mal meinen Photoapparat hervor. Das war eine vorgeschichtliche Bakelit-Box mit der Aufschrift > Agfa Click I und dem Format 6x6. Es war alles in allem eine simple Kamera, nicht nur von der Bedienung her, die mein Vater einem Freund abgekauft hatte, der in Geldverlegenheit war.


Ich dachte: Man m├╝sste das M├Ądchen nicht nur in der Erinnerung behalten, nein, man m├╝sste ein Foto f├╝r das Album haben. Ich sagte ihr das. Aber alles was sie antwortete, war: Brauchst Du denn ein Foto von mir, um mich nicht zu vergessen? Da widerstand ich traurig der Versuchung, dieses Gesch├Âpf neben mir zu photographieren.


Nach dem Besuch der Sultanspal├Ąsten sa├čen wir in einem Caf├ę und die Verzauberung dieser Stadt und meiner Begleiterin kam wieder so ├╝ber mich, dass ich alles um mich herum wie in einem Traum wahrnahm. Die fremden Stimmen in der fremden Sprache vermehrten als melodi├Âses Rauschen in mir noch das Gl├╝ck der Ferne. Ich gestand mir selbst, dass dieses junge M├Ądchen mich wirklich anzog, und obwohl ich uns unbeobachtet w├Ąhnte, hatte ich nicht den Mut dies aussprechen.


Vielmehr fragte ich Ayse, welche Pl├Ąne sie f├╝r die Zukunft h├Ątte. Und so, wie das M├Ądchen selbstbewusst antwortete, schien sie bereits ziemlich genaue Vorstellungen zu haben. Nein, meinte sie, wenn es nach ihren W├╝nschen ginge, w├╝rde sie nach dem Urlaub ihrer Mutter nicht mit ihr zur├╝ck nach Deutschland fahren, sondern viel lieber in ihrer Geburtsstadt Bursa bleiben, um dort die Hochschule zu absolvieren und dann auch zu studieren. Ihre Vater w├╝rde sie dabei sicherlich unterst├╝tzen und sie w├Ąre mit ihrer j├╝ngeren Schwester zusammen. Ich erfuhr dann auch, dass ihre Eltern geschieden waren. Es viel mir schwer, aber ich musste mir eingestehen, dass ich meine gerade begonnene Ausbildung unbedingt beenden musste, um zumindest einen ordentlichen Beruf zu haben, der mich ern├Ąhren w├╝rde. Dann war ja da auch noch der Wunsch ein Studium aufzunehmen.


Meiner Frage, ob sie denn auch mal heiraten wolle und sie sich vorstellen k├Ânne,  dass es vielleicht auch einen Deutscher sein k├Ânnte, wich sie aus, schaute mir fest ins Gesicht - und sagte, zun├Ąchst denke sie nur an eine gute Schule und an ein erfolgreich abgeschlossenes Studium - mehr nicht. In diesem Moment erschien sie mir viel rationaler und ehrlicher als ich - und soviel reifer.


Und als ob das Schicksal bereits mit dem Finger eine weitere grausame Wahrheit aufzeigen wolle: Ein junger Mann am Nebentisch warf heftige Blicke auf meine Begleiterin und sagte etwas, was strafend klang. Ayse hatte ihn nat├╝rlich genau verstanden und ├╝bersetzte es mir in einem m├Âglichst unverf├Ąnglichen Ton. Offenbar war davon die Rede, dass er uns nicht als deutsche Touristen ansah, zumindest nicht Ayse. Dann schlug sie vor, doch m├Âglichst schnell das Caf├ę zu verlassen, um drohende Schwierigkeiten zu vermeiden. Ich bezahlte eilig und kleinlaut und wir machten uns davon.


Da war doch so ein sch├Ânes Bild in meinem Kopf gewesen: die herrlichen Sultanspal├Ąsten, die Uferpromenade im leuchtenden Gr├╝n, die See, die vielen Schiffe und Boote - und, ach ja, am meisten das bezaubernde M├Ądchen.


Dann hatten mich die letzten Minuten in einem Strudel von Empfindungen gest├╝rzt, zuerst ihre Zukunftspl├Ąne und dann das Beispiel f├╝r die kategorischen Sittengesetze und strengen Regeln. Mir war das Heulen nahe und ├╝berlegte, was ich h├Ątte besser machen k├Ânnen. Aber ich wei├č heute, dass alles genauso gewesen w├Ąre.


Eine Moschee stand wunderlich fremd gegen einen r├Âtlich werdenden Abendhimmel ├╝ber der vield├Ącherigen Stadt. Dann eine Br├╝cke von einer alten Konstruktion und doch mit einem so bunten Treiben, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Ich wurde wieder von einer Woge seltsamer Fremdheit ├╝bersp├╝lt. Der frischere Abend ermunterte und es wurde Zeit, langsam zum Hotel zur├╝ckzukehren. Ayses Mutter erwartete uns bereits - aber ganz unaufgeregt wegen des nachmitt├Ąglichen Verlorengehens.


Am Nachmittag des zweiten Tages in der Stadt am Goldenen Horn, wollten wir die F├Ąhre nehmen, die an der alten Galata-Br├╝cke anlegen und uns nach Mudanya am s├╝d├Âstlichen Teil des Marmarameers ├╝bersetzen sollte. Von dort w├╝rden wir mit dem Bus in etwa einer halben Stunde Bursa erreichen. Insgesamt sollte die Fahrt also etwa zwei Stunden dauern.


Am liebsten h├Ątte ich die letzen, die wenigen verbleibenden Stunden in Istanbul, alleine mit Ayse verbracht. Vielleicht an der romantischen Uferpromenade mit dem herrlichen Panorama ringsum. Aber wir sollten nicht alleine sein und in der Zeit bis zum Ablegen der F├Ąhre waren wir alle nicht sehr gespr├Ąchig und in unseren Augen waren vielleicht so etwas wie Heiterkeit und Wehmut. Das bunte Treiben ├╝berall sorgte f├╝r Ablenkung und dann lief auch schon die F├Ąhre ein.


Eine gro├če Zahl von Menschen str├Âmte an Bord und verteilte sich auf den verschiedenen Decks. Auch wir eilten die Gangway hinauf und suchten uns auf dem obersten Deck einen Platz an der Reling. Von hier sollten wir bei der Ausfahrt einen unbeschreiblich sch├Ânen Blick auf die Stadt und ihren Ufern, ├╝ber denen Topkapi, die Moscheen, die Altstadt, die Galata-Br├╝cke und der Galata-Turm thronten. Ich stand neben Ayse mit meinem K├Âfferchen in der Hand, ihr h├╝bsches, schwarzes Haar war vom zerrenden Seewind ganz in Unordnung geraten.


1970

Sultan Ahmed Moschee

Im gro├čen bedeckten Basar von Instanbul

EIN

LETZTES

MAL

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