EINE HOMMAGE


Über Ernst Haas Daten im Internet zu recherchieren und Bildbände für die eigene Sammlung aufzuspüren, gestaltete sich weniger schwierig als bei Francisco Hidalgo. Erleichternd wirkte sicherlich der Umstand, dass seine fotografischen Leistungen vielfach in deutschsprachigen Publikationen Erfolg und Anerkennung fanden.


1921 in Wien geboren, wollte Ernst Haas Maler oder Forscher werden, aber der Krieg machte zunächst alle Berufswünsche zunichte. Zuerst war er bei der deutschen Luftwaffe beim Bodenpersonal, dann studierte er bis Kriegsende Medizin. Als sich ihm die Gelegenheit bot, Abzüge von den Negativen seines verstorbenen Vaters zu machen, erwachte sein Interesse an der Fotografie. Er studierte an einer Kunsthochschule Fotografie, und nach einiger Zeit begann er, mit einer Rolleiflex zu arbeiten. Er konnte ein paar Bilder verkaufen und gab Fotokurse für amerikanische Soldaten.


1946 besuchte er die Schweiz und zeigte einem Verleger seine Bilder, dieser machte ihn mit dem Fotografen Werner Bischof bekannt. Haas und Bischof wurden Freunde und arbeiteten für die gleiche Bildagentur. Im folgenden Jahr hatte Haas seine erste Ausstellung in der Zentrale des amerikanischen Roten Kreuzes in Wien. Der Herausgeber einer Zeitschrift für die amerikanische Besatzungszone in Deutschland, sah die Ausstellung und gewann ihn zur Mitarbeit.


Der erste Wendepunkt für Haas kam 1949, als er heimkehrende österreichische Kriegsgefangene fotografierte. Das Magazin LIFE veröffentlichte sie und bot Haas einen Vertrag als fester Mitarbeiter an. Aber Haas gab dem Angebot von Robert Capa, Mitglied der kurz zuvor gegründeten Bildagentur MAGNUM, zu werden, den Vorzug, weil er dort mehr künstlerische Freiheit erwartete. 1949 war auch das Jahr, in dem Haas mit der Farbfotografie anfing.


Haas berichtet, dass er auch innerlich reif für den Wechsel gewesen sei. »Ich werde mich immer an die Kriegsjahre und wenigstens die bitteren ersten fünf Nachkriegsjahre als die Schwarzweissjahre oder besser, die grauen Jahre, erinnern. Nun wollte ich fast symbolisch ausdrücken, dass die Welt und das Leben sich geändert hatte - als ob alles gerade frisch gestrichen wäre. Die grauen Zeiten waren vorbei. Wie zu Beginn eines neuen Frühlings wollte ich die neue Zeit in Farbe feiern, von neuen Hoffnungen erfüllt.«


Es entspricht dieser Symbolik, dass sein erster grösster Farbessay seine neue Heimatstadt New York feierte. 1951 übersiedelte er in die USA, und zwei Jahre später veröffentlichte LIFE einen Essay Images of a Magic City.


Es wurde bald deutlich, dass er eine besondere Begabung für die Farbe besass, ein Gefühl für feine Nuancen anstatt greller Gegensätze. Ihn störte es nicht, dass der damalige Kodachrome-Film langsam und relativ lichtunempfindlich war. Vielmehr erforschte er begeistert die schwierigsten Lichtverhältnisse. Es ist interessant, wie oft und wie wirkungsvoll er in diesen frühen Jahren die Silhouette als Stilmittel benutzte, um mit den Grenzen, die der Film damals setzte, fertig zu werden.


Um bei schlechten Lichtverhältnissen Details im Schatten wiedergeben zu können, waren lange Verschlusszeiten nötig. Das bedeutete, dass man ein Stativ oder irgendeine Stütze brauchte, um die Kamera ruhig zu halten. Beides war unbequem, wenn man jederzeit bereit sein wollte, ein Motiv festzuhalten. Ein anderes Problem war die seinerzeit begrenzte Kontrastfähigkeit des Filmmaterials. Das heisst, der Film konnte die hellen und die Schattenpartien eines Motivs nicht gleichzeitig bewältigen.


War es Eingebung oder Überlegung, dass Haas gelegentlich beide Schwierigkeiten umging, indem er Silhouettenbilder schuf? Er ignorierte Einzelheiten im Schatten und konzentrierte sich statt dessen darauf, aufregende Formen im Umriss vor einem Hintergrund von lichter Farbe zu zeichnen. Der Kontrast war somit kein Problem mehr, sondern ein ästhetischer Vorteil, und da die Belichtungszeit nur nach den hellsten Farbtönen berechnet wurde, konnten viel schnellere Verschlusszeiten gewählt werden. Ähnliches Vorgehen führte zu den verschiedensten Ergebnissen in seinen Essays über New York, London, Frankreich und Spanien.


Mit seiner kreativen Neugierde entwickelte Haas einen eigenen Stil, Bewegung fotografisch darzustellen, der heute unlösbar mit seinem Namen verbunden ist und der als Bewegungsunschärfe bezeichnet wird. Anstatt Bewegung mit kurzer Belichtungszeit »einzufrieren«, benutzte Haas langsame Verschlusszeiten, so dass das Motiv sich während der Aufnahme bewegte und ein verwischtes Bild entstand. Er lernte Art und Grad des Verwischens zu handhaben, je nachdem, welche Verschlusszeit er wählte oder wie er die Kamera mit dem Objekt bewegte.


Haas entdeckte diese Technik durch Zufall. Anfang der 50er Jahre fotografierte er am späten Nachmittag einen Stierkampf in Spanien, und weil das Geschehen weitgehend im Schatten stattfand, musste er mit dem langsamen Kodachrome-Film mit längeren Zeiten von 1/5 s oder sogar 1/2 s arbeiten. Die verwischten Resultate beschäftigten ihn, und er fing an, damit zu experimentieren. Bei Betrachtung der Bilder wurde ihm klar, dass das Auge nach einem scharfen Punkt suchte, auf dem es in den verwischten Partien ruhen konnte. Im Idealfall müsste dieser Ruhepunkt der wichtigste im Bild sein, überlegte er. Er fand, dass er den Effekt am besten erreichte, wenn er die Kamera mitzog, das heisst, in derselben Richtung und mit ungefähr der gleichen Geschwindigkeit bewegte wie das Objekt, das so während der ganzen Belichtungszeit fast an der gleichen Stelle im Sucher blieb. Auf diese Weise erschien der Hintergrund auf dem Bild viel stärker verwischt als der sich bewegende Teil, der erstaunlich scharf blieb. Durch Erfahrung lernte Haas, wie er die Belichtungszeit am besten an die zu fotografierende Bewegung anpassen konnte.


LIFE veröffentlichte die Stierkampfbilder im Juni 1957 unter dem Titel Beauty in a Brutal Art. Die Bilder waren überaus erfolgreich. Haas sagte einmal: »Für mich bedeutet Vollkommenheit in der Fotografie, einen Gegenstand nicht nur abzubilden, sondern ihn zu verwandeln in das, was er sein soll.«

ERST HAAS

Viele Aufnahmen von Ernst Haas zählen zu den Meilensteinen der Fotografie. Keine Arbeit jedoch verbindet sich mehr mit seinem Namen als DIE SCHÖPFUNG - ein gewaltiges Projekt, das von 1971 an in verschiedenen, jeweils überarbeiteten Fassungen als Buch erschien, und an dem Haas bis zuletzt arbeitete. In drei Kapiteln werden je ein Thema dargestellt: Die Elemente, die Jahreszeiten und die Geschöpfe. Der schöpferische Rang und die gleichmässige Qualität des Werkes sind dem Anspruch des Themas ebenbürtig. Es ist eine überschwengliche, optimistische Hymne auf die Welt, in der wir leben.


Gelegentlich hat Haas mit Trickaufnahmen ungewöhnliche Ergebnisse erzielt, zum Beispiel mit Doppelbelichtungen, wobei er die erste scharf und die zweite unscharf einstellte; manchmal veränderte er sogar die Kameraposition ein wenig zwischen den Belichtungen.


Nur selten verwendete Haas Objektive mit extremen Brennweiten. Normalerweise kommt er mit einem Minimum an Ausrüstung aus. »Natürlich sind wir heute fast gelangweilt von normalen Sachen. Deswegen arbeiten wir mit Tricks, um die Wirkung zu erhöhen. Nun will ich nicht gerade behaupten, dass ein Objektiv ein Trick ist, aber wenn man zum Beispiel ein Weitwinkelobjektiv zu häufig benutzt, haben alle Bilder einen ähnlichen Stil, und der Effekt, den man damit erreichen wollte, ist durch die häufige Wiederholung weg. Vergessen Sie nicht, es gibt ein Objektiv, das wir alle gern vergessen - unsere Füsse. Wir können näher an das Motiv herangehen oder uns entfernen, und das ist zum Beispiel bei Landschaftsaufnahmen sehr einfach.«


Ab und zu musste Haas eine technische List anwenden, um ein in der Natur häufiges Problem zu lösen, das kräftige Blau des Himmels. Es kann leicht in einem Bild dominieren und die Aufmerksamkeit von den Mustern und subtileren Farben von Land und Wasser abziehen. Manchmal wählt er den Ausschnitt ohne Himmel. Wenn das nicht geht, benutzt er gelegentlich ein Polarisationsfilter, um das strahlende, durchdringende Blau zu einem erträglicheren Ton abzudunkeln. Landschaftsfotos sind auch in seinen anderen Büchern vorherrschend, häufig mit Tieren, Menschen, Häusern oder anderen Spuren der Zivilisation, die Proportionen des Bildes verdeutlichen oder ihm ein zusätzliches Interesse verleihen.


Das Foto vom Monument Valley in den USA benötigte allerdings keines dieser Attribute. Es ist das erste Bild des Buches In Amerika. »Ich nahm dieses Bild, weil ich das Amerika zeigen wollte, das war, ist und sein wird, das existierte, ehe es uns gab, und das weiterleben wird, wenn wir nicht mehr da sind.«


Er fotografierte aus der Luft und nahm die turbulenten Bedingungen in einem kleinen Flugzeug auf sich, um den Moment einzufangen, in dem der Regen aufhörte, die Wolken sich öffneten und die Sonne durchkam und diese besonderen Lichteffekte bewirkte. Es ist verblüffend, wie perfekt die Komposition unter diesen Umständen gelungen ist.


Haas entschied sich übrigens gegen eine Karriere beim Film, als er die Möglichkeit dazu hatte. Er hatte seit Mitte der 50er Jahre den Auftrag gehabt, Standfotos von Filmen zu machen, beispielsweise The Pride and the Passion, Moby Dick, Westside Story und The Misfits. In den 60er Jahren war er dann mit Regieaufgaben bei John Hustons Film The Bible betraut. Aber es war für ihn keine Versuchung, auf die Dauer in dem anderen Medium zu arbeiten. Ihm war vielmehr bewusst, dass er beim Film niemals die gleiche Freiheit des Ausdrucks haben würde wie als Fotograf und, dass der Film immer noch in erster Linie von der Handlung und nicht vom Bild lebt.


Obwohl Haas seine Arbeit als Berufsfotograf mit einer zweiäugigen Rolleiflex begann, wandte er sich doch schon früh dem Kleinbildformat zu, dem er dann treu geblieben ist. Als ein früher Anhänger der LEICA mit eingebautem Entfernungsmesser hat er sehr schnell die Vorteile erkannt, die ihm die Leicaflex für seine Arbeit bot.


Haas hat immer wieder betont: »Der einzige Rat, den ich geben kann, ist folgender: Ein Fotograf sollte lernen, mit einem Minimum an Ausrüstung auszukommen. Je einfacher die Ausrüstung zu handhaben ist, um so besser kann man sich auf das Sujet und die Komposition konzentrieren. Die Kamera sollte lediglich ein Hilfsmittel für das Auge sein.«


Haas verwendet schliesslich nur eine sehr begrenzte Palette von Kameras für seine Arbeit: zwei Leicaflex-Gehäuse und Objektive der Brennweiten 35, 50, 90 und 180 mm. Nur wenn die Aufnahmesituation es wirklich erfordert, benutzt er auch Objektive mit extremen Brennweiten. Während Haas früher fast nie ein Stativ benutzte, arbeitete er zuletzt häufiger damit.


Für den weithin überwiegenden Teil seiner Aufnahmen hat Haas Kodachrome-Film benutzt. In seinem Buch IN AMERIKA schreibt er hierzu: »Ich habe stets Kodachrome verwendet, und als Beweis für die Qualität dieses Films möchte ich anmerken, dass sogar meine alten - mit Kodachrome 1 aufgenommenen - Bilder im Verlauf der Jahre nichts von ihrer ursprünglichen Farbintensität eingebüsst haben. Seit nun Kodachrome 25 im Handel ist, habe ich diesen Film ständig benutzt. Er ist so konturscharf und feinkörnig, dass ich keinen Anlass sah, anderes Filmmaterial auszuprobieren.« Nur in wenigen Fällen griff Haas zum schnelleren Kodachrome 64 oder den superschnellen Ektachrome-Filmen.


Haas kümmert sich wenig um die ständige Kontroverse, ob und inwieweit Fotografie als Kunst zu sehen ist. Er schrieb einmal: »Schon die Definition des Wortes Kunst ist heute so unbestimmt, dass man sich darüber kaum den Kopf zerbrechen sollte. Lassen wir doch diesen Begriff aus dem Spiel und machen wir unsere Arbeit so gut wir können, und dann wird sich von selbst finden, in welche Kategorie man uns einmal einordnen wird .........«


Bis zu seinem unerwarteten Tod im September 1986, war er mit dem beschäftigt, was er liebte – Photographie.