WORKMANSCHIP

FEINMECHANISCHE WERTARBEIT


Wie doch die Zeit vergeht! Dies wurde mir mal wieder bewusst beim kritischen Lesen des ersten Kapitels Equipment. Zudem stellte ich fest, dass meine Sehnsucht oder besser gesagt, die Neugierde auf feinmechanischen Wertarbeit in Form einer Messsucherkamera, sich nicht auf Dauer hat bändigen lassen. Und der Gedanke, dass die Sehnsucht oft um einiges schöner sei als der Besitz, hat mich rückblickend auch nicht trösten können.


Es sollte allerdings nicht die schönste aller Sucherkameras werden, die eigentlich umständlich zu bedienende, fernöstliche Nikon SP. Mein Interesse galt vielmehr irgendwann den Erzeugnissen einer bemerkenswerten, deutschen Traditionsfirma, nämlich Leica.


Dazu fällt mir spontan folgende Anekdote ein, die hoffentlich keinen allzu grossen Einfluss auf meine Entscheidung nahm, ich dem Leser aber auch nicht vorenthalten möchte:


Eine Gruppe von Fotografen kommt durch einen Unfall ums Leben und tritt nun vor Petrus, um Einlass in den Himmel zu erbitten. Der fragt an der Himmelspforte jeden einzelnen streng: Und womit hast du deine Bilder gemacht? Und der erste antwortet stolz: Mit einer Canon. Er darf problemlos in den Himmel. Der zweite, Nikon-Fotograf, ebenso und der Pentax-Fan passiert die Kontrolle ebenfalls ohne weitere Fragen. Schliesslich kommt der Leica-Fotograf an die Reihe. Barsch schickt Petrus ihn aber in die Hölle. Auf die verwunderte Frage nach dem Warum begründet Petrus seine Entscheidung mit der Feststellung: Du hattest den Himmel schon auf Erden.


Diese Anekdote soll sicherlich das Qualitätsimage von Leica widerspiegeln, wobei es tatsächlich gerade die alten Werte sind, die Leica in ihrer langen Geschichte gross gemacht haben. Ich denke aber, dass insbesondere die jüngsten Entwicklungen beim Traditionsunternehmen auch Probleme aufzeigen.


Bei meinen Einstieg ins LEICA-M-SYSTEM sollte mir die Verkaufssituation auf dem Gebrauchtmarkt für analoge Kameras sehr entgegenkommen, denn gerade dieser Markt hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Die Auktionshäuser im Internet haben diesen Markt an sich gerissen und diktieren die Preise. Folge ist ein permanenter Preisverfall, dem sich auch der Händler im Laden beugen musste. Aber auch vom Markt für Neuware geht ein enormer Preisdruck aus, da die Hersteller ihre wenigen noch verbliebenen analogen Kameramodelle immer preiswerter anbieten. Der Preisdruck wird noch verstärkt durch die grosse Zahl derer, die von der analogen auf die digitale Fotografie umsteigen. Ob sich dieser Trend fortsetzt oder sich doch noch mal eine Wende abzeichnet?


Aufgrund des günstigen Marktes erschien mir jedenfalls der Kauf einer technisch hochwertigen Messsucherkamera höchst verlockend. Als sich dann noch eine gute Gelegenheit bot und dazu ein 25jähriges Dienstjubiläum gewürdigt werden wollte, habe ich zugegriffen und bin ins Leica-M-System eingestiegen. Einige meiner Käufe habe ich im Ladengeschäft eines bekannten Fotofachhändlers in Köln am Neumarkt getätigt. Zu einem Kauf im Internet bei unbekannten, privaten Anbietern konnte ich mich lange nicht entschliessen, befürchtete ich doch eine Enttäuschung hinsichtlich der technischen und optischen Qualität der Ware. Später erst habe ich dann zuverlässige und sachkundige Privatanbieter kennengelernt und auch diese Quellen zu meiner vollen Zufriedenheit nutzen können.


Apropos Zufriedenheit, auch beim Fachhändler musste ich im Laufe der Jahre auch bei Neuware die eine oder andere Panne erfahren. Es fand sich aber immer eine einvernehmlich Lösung. Ein Sicherheitsfaktor, den man nicht unterschätzen sollte.


Nach meinen ganz persönlichen Erfahrungen, hat sich das Leica-M-System und im Besonderen die LEICA M6 immer als ein robustes, präzises und zuverlässiges Fotowerkzeug erwiesen. Viele der auf dieser Webseite gezeigten Fotos sind im Laufe der Jahre mit dieser klassischen Kamera entstanden. Vielleicht doch ein Mythos, der lebt und dessen Faszination man sich nicht entziehen kann?


Meine entscheidenden Schritte im Umgang mit dem Medium Fotografie machte ich zwar mit Nikon, aber auch bei Leica entstand so etwas wie eine emotionale Bindung an ein eigentlich seelenloses, wenngleich feines Stück Wertarbeit aus Metall und Glas. Nach längerem Umgang mit Spiegelreflexkameras greife ich dann auch um so lieber wieder zur flüsternd leisen und handlich kompakten Leica M6.

ANALOG

ODER

DIGITAL

Leica setzte immer wieder neue Massstäbe in der optischen Leistung und so sind die M-Objektive so ziemlich das Beste, was auf dem Markt zu finden ist. Bedauerlicherweise aber immens teuer und für das gleiche Geld liesse sich ein qualitativ höherwertiges Mittelformatsystem realisieren.


Aber auch, wer die Kamera aus Imagegründen kauft, oder auch vielleicht nur was Schönes für seine Vitrine sucht oder dem das letzte Quentchen Schärfe sehr viel wert ist, der ist bei Leica richtig. Mein freundlicher Fotohändler freute sich jedenfalls allemal auf meinen Besuch.


Der Wert der angeschafften Produkte, insbesondere im M-System, bleibt in der Regel relativ stabil. Das Sammlerinteresse spielt hier aber eine stärkere Rolle als bei allen anderen Marken und unvorhersehbare Kursschwankungen sollte man einkalkulieren. Bei manchen Modellen beeinträchtigen bereits geringste Gebrauchsspuren den Wert so stark, dass niemand sich traut mit ihnen zu fotografieren.


Von den Qualitäten des M-Systems überzeugt, stellte sich irgendwann der Gedanke ein, warum nicht auch einmal das R-SYSTEM auszuprobieren?


Immer schon neugierig auf die angeblich beste aller R-Leicas, hatte ich mir die R8 beim Händler bereits mehrfach zeigen lassen. Die recht positiven Eindrücke überzeugten mich letzten Endes derart, dass ich dann eine gekauft habe.


Früher gab ich Kameras in einem dezenten schwarzen Kleid fast immer den Vorzug, aber bei Leica gefallen mir die klassischen Chromgehäuse einfach besser. Kaufen wollte ich eigentlich eine R6.2 mit solider Mechanik und ohne elektronischen Schnickschnack. Aber wenn man auf Autofokus verzichten kann, befriedigt die LEICA R8 höchste Ansprüche und glänzt mit besonderen Funktionen und raffinierten Detaillösungen.


Beim ersten Kennenlernen fiel mir sofort die intuitive Handhabung und haptische Ausgewogenheit auf. Die LEICA R8 fiel in meine grossen Hände, als gehöre sie einfach dorthin. Ein wirklich angenehmes Gefühl, ohne Motor nicht zu schwer, aber auch nicht zu leicht. Das Verschlusszeitenrad steht leicht nach vorn über und ist bequem mit dem Zeigefinger erreichbar. Die verschiedenen Betriebsarten lassen sich über ein separates Rädchen anwählen. Beide Bedienelemente liegen ergonomisch perfekt, gleiches gilt auch für die anderen Bedienelemente. Der grosse High-Eyepoint-Sucher bietet eine Reihe an Informationen, die Digitalanzeigen sind klar und übersichtlich. Eine echte Verbesserung ist aber der Filmeinfädelmechanismus der R8. Nun kann man auch in eine Leica einen Film so einlegen wie in jeder anderen Kamera auch.


In puncto Zuverlässigkeit hat die R8 kaum noch etwas zu wünschen offen gelassen und durch ihre klugen Funktionen hat sie mir immer alle gestalterischen Freiheiten eingeräumt. Was die Leica R8 für mich auch so interessant machte, war die Option, später vielleicht zusätzlich auf Digitalbetrieb umrüsten zu können.


Zwischenzeitlich schreiben wir das Jahr 2007 und Leica hat bereits den Ausverkauf des Digital-R-Moduls für die R8 und R9 angekündigt. In Aussicht gestellt wurde dafür eine digitale Spiegelreflex, bei der man wohl auf Autofokus nicht verzichten wird. Die Kompatibilität zu den vorhandenen, manuell fokussierbaren Objektiven muss dabei nicht zwangsläufig aufgegeben werden, ob aber umgekehrt, die AF-Objektive an einer R8 oder R9 verwendbar sein werden, halte ich für fraglich.


Nicht zu leugnen, die letzten Jahre waren eine Zeit der Sammelleidenschaft und ich habe mir einige Wünsche erfüllt, die ich mir vor Jahren nicht leisten konnte. Eines Tages wurde mir jedoch klar, dass sich mit all diesen vortrefflichen Kameras keine besseren Bilder machen liessen, als mit meiner ersten mechanischen Nikon. Da habe ich mich dann von einem grossen Teil meiner Sammlung getrennt.

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Leica R-System

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Colorfoto 12/1996

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Das R-System

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Das M-System